Max Kalkowski

mit Schwung aus dem Fenster

Mia kämpfte sich aus den weißen Laken und robbte durch das große Bett auf der Suche nach Till. Till rutsche bis zum Ende der großen Matratze, rollte sich dann über Mia hinweg und schließlich auf die andere Seite des Bettes.

Mia zog eine Schmollmund und lachte dann laut.
„So einfach ist das nicht!“
Sie befreite sich aus dem Deckengewühl und attackierte ihren Freund erneut. Ein wildes Gerangel entstand und letztendlich schnappte Till sich seine Freundin und zog sie unter die Decke um sie zu küssen.
„Stimmt! So einfach ist das wirklich nicht“, rief Till und kitzelte sie.

Mia lachte und versuchte sich strampelnd los zumachen. Allerdings vergeblich.
„Aufhören! Ich ergebe mich!“

„Aber wir wollen doch kuscheln.“ Till drückte Mia noch enger an sich. Dann ließ er sie los und legte sich auf den Rücken, damit sie sich an seine Brust schmiegen konnte.
„Schön, dass wir Weihnachten zusammen verbringen“, flüsterte Till in ihre Haare und gab ihr einen leichten Kuss auf die Stirn.

Mia schaute Till verliebt an, dann verlor sich ihr Blick im Zimmer und ihre Augen wurden glasig.
„Hoffentlich findet Max auch bald die Richtige“, stellte sie ihren Wunsch in den Raum. Till hob fragend eine Augenbraue, musste dann aber schmunzeln.
„Hm. Muss ich das persönlich nehmen, wenn du neben mir liegst und an einen anderen Mann denkst?“

„Das ist doch mein Bruder, Till!“

„Trotzdem. Du machst dir zu viele Gedanken. Max wirkt zufrieden mit seinem Leben, mit oder ohne Freundin. Du hast immer noch ein schlechtes Gewissen, weil wir so lange unterwegs waren.“

„Hm“, nun war es an Mia, eine Augenbraue, fragend nach oben zu strecken. Mia streckte sich und stand dann auf.
„Wahrscheinlich habe ich ein schlechtes Gewissen. Er ist mein Bruder und ich möchte, dass er glücklich ist“, erklärte Mia sich, während ihre Stimmer höher und schriller wurde.

„Süße. Er hat alles im Griff. Und auch wenn es für dich scher zu akzeptieren ist, letztendlich muss er seinen Weg zum Glück alleine finden und gehen. Da kannst du dir noch so viele Gedanken machen.“


Der Wecker hatte seine Pflicht getan und durchbrach in aller früh, die Stille im Zimmer. Max Versuch, Janosch zu wecken und aus seinem Bett zu befördern, scheiterte kläglich. Der nächtliche Raubzug war ihnen in die Knochen gekrochen und fehlender Schlaf wollte nachgeholt werden. Eingekuschelt in dicken Decken, eingehüllt von der Körperwärme des anderen, wurden aus noch fünf Minuten, knapp zwei Stunden mehr. Max schreckte auf, durch das quietschen aus dem Wohnzimmer. Mia hatte den Weihnachtsbaum entdeckt und Moment Mal …

„Joschi! Janosch!“ Max versuchte, seinen Freund wach zu rütteln, allerdings ohne großen Erfolg.

„Muss ich schon rüber?“, verschlafen schaute Janosch seinen Freund an. Im nächsten Moment klopfte es schon an der Zimmertür und ohne eine Antwort abzuwarten, machte Mia die Tür einen Spalt auf. „Max? Bist du angezogen?“

Es blieb keine Zeit, für große Pläne. Kurzerhand schmiss Max seinen Freund aus dem Bett und schaute erschrocken zur Tür.

„Mia?“ Till rief nach seiner Freundin und sie verschwand kurz aus der Tür, zurück in den Flur.
Janosch nutze die kurze Ablenkung vor dem Zimmer und sprang mit einem Satz hinter die bodenlangen Vorhänge am Fenster. Im selben Moment stand Mia im Zimmer, gefolgt von Till.
„Der Baum ist wunderschön! Ihr habt den aber nicht einfach im Wald gefällt?“

Max verdrehte die Augen und rieb sich dann genervt den Schlaf aus den Augen.
„Schwesterherz! Dein Wunsch war, ein großer Weihnachtsbaum und nun haben wir einen. Ist doch alles in Ordnung.“

Mia räusperte sich verlegen.
„So war das auch nicht gemeint. Der Baum ist wirklich sehr schön“, dabei lächelte sie Max versöhnlich an.
„War das von langer Hand geplant oder eine eurer spontanen Aktionen?“

„Hat sich irgendwie so ergeben“, weiter kam Max mit seiner Erklärung nicht. Schon standen Till und ein völlig ausgeschlafener Nick auch noch in seinem Zimmer.

„Digga! Unsere Aktion kommt voll gut an. Jetzt bin ich auch mal ein Held, wa!“, polterte Nick los.
„Hasse Janosch gesehen? Der ist irgendwie nicht in seinem Bett.“

Nun war guter Rat lieb und teuer. Leider hatte Max keinen Cent in der Hosentasche, geschweige den eine Hose an.
„Keine Ahnung. Vielleicht ist er in die Stadt gefahren.“ Erschöpft und müde ließ Max sich zurück in die Kissen fallen und rieb wieder seine Augen.
„Und was soll eigentlich diese Versammlung in meinem Zimmer?!“

Mia ging zum Fenster, stellte sich genau neben den Vorhang, hinter den Janosch sich versteckte und schaute aus dem Fenster.
„Das wird ohne Schneemobil kaum möglich gewesen sein“, schätze Mia die Lage vor dem Haus ein. Dann öffnete sie zu allem Überfluss noch das Fenster damit sie die ganze Einfahrt einsehen konnte. Sofort wirbelte ein Windzug durch das Zimmer und brachte die Vorhänge zum tanzen.

„Alta, Mia. Es is arschkalt draußen“, beschwerte sich Nick im dünnen Shirt und ging zurück in das Wohnzimmer.

Unruhig rutsche Max in seinem Bett wieder hoch. Hitze stieg in seinen Körper und Blut rauschte durch seine Ohren. Das wurde ihm zu abenteuerlich. Seine Freunde machten keine Anstalten aus dem Zimmer zu gehen.

„Das ist verrückt“, misstrauisch schaute Mia auf eine Stelle am Boden vor dem Bett. Max erkannte im gleichen Augenblick den Fehler im Bild und wollte sich aufsetzen.

„Seit wann trägst du Boxershorts von Levi´s?“, schmunzelte Mia.
„Du findest Markenklamotten doch albern und lachst immer über Janosch“, sie stockte in ihrer Ausführung und drehte sich langsam zum tanzenden Vorhang.
„Was ist hier wirklich los?“

„Mia! Könntest du vielleicht …“ Max hatte keine Ahnung, wie er sie aufhalten sollte. Till und Nick schauten gebannt, auf die ihnen gebotene Szenerie und den Vorhang. Mit einem Ruck zog Mia den Vorhang zur Seite und Max schloss die Augen. Sein Herz pochte laut gegen seine Brust und das Rauschen in seinen Ohren nahm zu. Er wartete auf einen überraschten Schrei und das damit verbundene Ende, des Urlaubs.
Doch es passierte nichts davon. Langsam öffnete Max seine Augen und sah Mia vor dem Vorhang stehen. Hinter dem Vorhang befand sich allerdings kein nackter Janosch, sondern einfach die Zimmerwand und weiße Raufasertapete.

„So! Schluss mit dem Hüttenzauber!“ Max klatsche in die Hände und wurde lauter.

Mia blickte mit großen Augen erst Max und dann Till an.
„Mir war, als wenn ich jemanden gesehen hätte.“

„Ich glaube, für dich gibt es heute keinen Alkohol und keinen Zucker. Das macht dich durcheinander“,redete Max ihr ein und glücklicherweise kam ihm Till zur Hilfe.

„Ich glaube es langsam auch“, Till legte seinen Arm um Mia und führte sie aus dem Zimmer.
„Wir gehen erstmal unter die Dusche.“

Max seufzte tief und ließ sich abermals in die Kissen fallen. Das Versteckspiel musste ein Ende finden. Bevor er wahnsinnig wurde oder jemand zu Schaden kam. Und wo war Janosch abgeblieben?

Die Frage beantworte sich von selbst. Es folgte ein lauter Rums, das Geräusch eines zerbrochenen Tellers, sowie ein Schrei von Sophie.
„Janosch! Kannst du dir nicht etwas anziehen, wenn du durch die Küche läufst? Wir wollen gleich gemütlich Frühstücken und das ohne kleine Würstchen!“

„So wie Karo guckt, hat sie schon Lust auf Würstchen!“

Wieder wurde Max Zimmertür aufgerissen und nackter Janosch mit Schnee im Haar marschierte in sein Zimmer.

„Das muss ein Ende nehmen!“, zischte er Max zu und zog sich seine Levi´s Unterhose an. Dann drehte er sich um und schmiss die Tür hinter sich, etwas zu laut zu.

Von unten ertönte erneut Sophies Stimme. „Frühstück ist fertig! Und Bitte komplett angezogen runter kommen.“


Seine Freunde saßen um den festlich gedeckten Küchentisch. Inmitten der Mädels saß Nick und erzählte heldenhaft und in schillernden Farben die Flucht mit dem Weihnachtsbaum.
„Setz dich Max“, versöhnlich deutet Janosch auf den Platz neben sich.
„Entweder habe ich einen Filmriss oder Nick übertreibt maßlos mit seiner Geschichte. Der Filmriss würde aber erklären, warum ich bei diesem Blödsinn überhaupt mitgemacht habe“, nachdenklich schaute Janosch auf seine Hände, die mehr als ein Kratzer zierten.

Das Frühstück und die Gespräche zogen an Max vorbei, während er appetitlos in seinem Rührei rumstocherte. Halbherzig griff er nach seiner Kaffeetasse und nahm einen Schluck. Der Kaffee war nur noch lauwarm und er hatte vergessen, die Milch unter zu rühren. Durch die Bewegung vermischte sich die Milch langsam mit dem schwarzen Getränk und zog immer neue Muster auf die Oberfläche. Seine Gedanken wurden klarer und die Muster verschwammen vor seinem Auge.

„Max? Ist alles in Ordnung?“ Eine warme Hand legte sich, auf die seine und katapultierte ihn mit voller Wucht zurück an den großen Esstisch.
Erschrocken zog er seine Hand weg und kippte damit seine Tasse um. Die braune Flüssigkeit verteilte sich über die weiße Tischdecke. Perplex wollte Max sich aufsetzen und nach einer Serviette greifen, blieb dann mit seinem Fuß am Stuhl hängen und kippte schließlich rückwärts, samt Stuhl um. Im nächsten Moment fand er sich im wahrsten Sinne des Wortes, auf dem Boden der Tatsachen wieder.

„Junge, Max. Bleib mal locker!“ Nick tauchte als Erster in seinem Blickwinkel auf.

„Als hätten wir schon Kinder am Tisch“, rief Sophie, streichelte ihren Bauch und holte einen Lappen.

„Irgendwie war ich in Gedanken“, erklärte sich Max und versuchte sich aufzusetzen. Nick zog ihn schließlich zurück auf die Beine.
„Alles gut, Nick. Nix passiert“ versuchte er die Aufmerksamkeit von sich zu lenken, allerdings vergebens. Janosch schaute Max fragend an und suchte nach einer Antwort in seinem Blick. Nur hatte Max keine Antworten mehr. Resigniert räumte er seine umgekippte Tasse und seinen Teller weg.

„Haben wir das auch geklärt“ beendete Mia das Frühstück und ging mit leeren Schüsseln in die Küche.
„Till und ich backen gleich die Weihnachtsplätzchen! Wenn sich noch jemand anschließen möchte.“

„Super Idee! Da möchte ich auch mit machen!“, rief Nick und machte sich sofort auf den Weg in die Küche.

„Sollen wir uns dann um eure Tanne kümmern?“, richtete Karo die Frage an Max und Janosch.
„Ja klar. Jetzt möchte ich die drei Meter hohe Tanne noch mit fünf Kilometer Lichterketten einwickeln“, antwortete Janosch sarkastisch, ging aber trotzdem mit Karo mit.

„Ich zieh mir noch einen neuen Pullover an“, Max deutete auf die Kaffeeflecken auf seinem Pullover und verschwand aus dem vollen Raum.


Mit der gewonnen Zeit, stellte Max sich unter die Dusche und versuchte seine Gedanken in den Abfluss zu spülen. Das warme Wasser lockerte seine Verspannung im Nacken und seine Haut wurde warm. Frisch geduscht waren die Probleme noch, die gleichen, aber sein Puls hatte sich beruhigt. Er zog sich ein frisches Sweatshirt an und atmete tief durch. Am Küchentisch war ihm bewusst geworden, wie knapp die Situation am Morgen gewesen war. Noch immer wusste er nicht, was er Mia gesagt hätte, wäre Janosch nicht aus dem Fenster gesprungen, sondern hätte nackt hinter dem Vorhang gestanden.

Max ging zum Fenster und beobachtete Jonas und Sophie, die an der Terrasse neben einem großen Schneemann standen. Sophie hatte Mütze und Schal in der Hand und fing an den Schneemann einzukleiden. Max konnte sich vorstellen, wie Sophie Jonas erklärte, dass der Mann aus Eis sonst frieren würde an Weihnachten. Jonas nahm seine Frau liebevoll in den Arm und streichelte ihr über den Bauch.
Im nächsten Jahr würden die beiden an derselben Stelle stehen, nur mit dem Unterschied, dass Sophie ihren Sohn dann im Arm halten würde. Tränen nahmen Max die Sicht auf das kleine Familienglück. In den letzten Tagen war er so sentimental geworden. Damit konnte er kaum umgehen.
Um sein Gedankenkarussell anzuhalten, ging er in die Küche, zu seiner Schwester. Till rollte energisch den Plätzchenteig aus, während Mia daneben stand und sich mit Nick unterhielt.
„Mit ist im Prinzip nur wichtig, dass ihr euch liebt und ne mega Torte auffahrt“, fasste Nick das laufende Gespräch zusammen.

„Und ich dachte, du kommst wegen uns zur Hochzeit“, mischte Till sich, gespielt empört ein.
„Na sicha, Digga!“ Nick legte seinen Arm versöhnlich um Till und zog ihn an sich.
„Und um sicherzugehen, dass ich wirklich keine Schnitte mehr bei Mia hab.“

„Du Spinner“, winkte Mia ab und wurde eine Spur rot im Gesicht.
„Und können wir uns wieder auf das Wesentliche konzentrieren?“, forderte sie und verteilte Ausstechformen.

„Du auch, Max?“, sie hielt ihm eine Sternschnuppe hin.

„Ach, nein Danke“, die enge in der Küche, drohte ihn zu zerdrücken.
„Ich sollte beim Baum schmücken helfen“, erklärte er sich und ging in das Wohnzimmer.
Karo stand auf der Leiter, ließ sich die besagten Lichterketten von Janosch angeben und redete ununterbrochen. Janosch hatte Mühe mit dem Nachreichen der Kette, sowie mit dem positiven Zusprechen und Folgen des Themas.

„Was ist das Thema?“, fragte Max, in der Hoffnung seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben.
Karo ließ sich von Janosch von der Leiter heben und setzte sich zu Max auf das Sofa. „Ich bin so glücklich, euch als Freunde zu haben!“, sie drückte erst Max einen Kuss auf die Wange und dann Janosch, der sich zu ihnen gesetzt hatte. „Ohne euch würde ich mich richtig einsam fühlen.“
„Sei froh, dass du dich von deinem Ex getrennt hast. Es hat doch so oder so nicht gepasst. Nächsten Jahr triffst du dann bestimmt deinen Traumprinz“, munterte Janosch sie auf.
„Ich hoffe. Obwohl ich die Hoffnung eigentlich aufgegeben habe. Das ist die dritte gescheiterte Beziehung.“ Karo stöhnte auf.
„Dann wird es der Nächste!“, versuchte Max den Einstieg in das Thema, während ihm die Hitze aus dem Kamin zu schaffen machte.

„So viel Zeit bleibt mir leider nicht mehr.“

„Hm.“ Max wusste, wie sehr Karo sich eine eigene Familie wünschte. Bei jedem ihrer Partner hatte sie sich das traute Familienglück ausgemalt und wurde auf kurz oder lang enttäuscht.
„Das ist die Realität“, erklärte Karo sich weiter.
„Zuerst muss ich einen neuen Freund finden und dann muss es auch noch passen. Ich möchte meinen Kindern schließlich ein gutes Leben bieten und keine dramatischen Lebensumstände mit Scheidung und geteilten Wochenenden. Die meisten Männer in unserem Alter, haben schon eine aufwühlende Vergangenheit und dann noch weniger Lust, von vorne und mit Windeln anzufangen.“

Max dachte über diese Aussage nach und rechnete sich seine Zeit aus. Missmutig schaute er dem Holz beim Abbrennen zu. Seine Gedanken flogen noch wilder durcheinander und auch dieser Raum wurde immer kleiner. Er hielt die Nähe zu seinen Freunden und vor allem zu Janosch kaum noch aus.
Er musste raus, an die frische Luft. „Ich kümmere mich um neues Feuerholz. Sonst sitzen wir gleich im kalten“, und bevor sich jemand anschließen konnte, sprang er auf und rannte fast aus dem Zimmer, vorbei an einem vollen Korb mit Holzscheiten.


Die kleine Gartenhütte stand abseits vom Haus, tief im Schnee. Die kleinen Fenster waren kaum noch zu erkennen. Maxs Gesicht glühte vor Hitze und er atmete die kalte Luft tief ein. Weg von Lärm, Musik und seinen Freunden, ging es etwas besser. Die Situation überforderte ihn zunehmend und die Tage zogen sich in die Länge. Der eigentlich schöne Urlaub wollte kein Ende nehmen.
Max spaltetet die Holzstücke energisch und dünner Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Er zog sich seine Jacke aus und stand nur noch in Hose und dünnem Sweatshirt da. Mit jedem Axtschlag verflog seine Wut und es blieb nur noch Trauer zurück. Wie sollte es weiter gehen? Konnte es überhaupt weiter gehen? Er schlug die Axt in einen weiteren Scheit, ließ sie stecken und setzte sich daneben, in den Schnee. Eine heiße Träne tropfte auf seine Knie, gefolgt von vielen weiteren. Plötzlich gab es keinen Halten mehr. Max vergrub sein Gesicht in seiner Armbeuge und schluchzte. Zu lange hatte er diese Trauer schon zurückgehalten.

Gefühlt saß er dort eine Ewigkeit, bis ihm eine warme Hand sanft über den Nacken und durch die störrischen Haare streichelte. Max blickte auf, er hatte nicht mal genug Energie, um seine Tränen zu verstecken. Janosch schaute ihn mitfühlend an und strich ihm schließlich die Tränen von den Wangen. „Max. Was ist los mit dir?“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Das ist neu“, versuchte Janosch zu witzeln. Max lachte nur schwach.

„Joschi. Das geht so nicht weiter. Vielleicht ist das mit uns nur Zeitverschwendung. Weißt du eigentlich, worauf du dich einlässt?“

„Wovon redest du? Ich lasse mich auf dich ein?“

Max sprang auf und stellte sich genau vor Janosch. Max Hände waren zu Fäusten geballt. „Genau! Du lässt dich auf mich ein! Auf ein kompliziertes Leben. Ein Leben, das komplett an der Norm vorbei zieht. Wir werden niemals händchenhaltend, einfach so die Straße entlang laufen können, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.“

„Was für ein Blödsinn! Wir werden doch nie angeschaut …“ Nun war es auch an Janosch seine Hände zu Fäusten zu ballen. In seinem Blick sammelte sich neben Unverständnis auch Wut.

Aber Max konnte seine Worte und Gedanken nicht mehr zurück halten.
„Blödsinn ist, sich sein ganzes Leben zu verbauen, nur weil du an mir festhältst! Wir werden nie eine richtige Familie sein. Du kannst niemals Vater werden. Was wenn sich unsere Freunde von uns abwenden? Meine Schwester? Was bleibt dann noch?“

„Du bleibst?!“

„Nein. Es ist aus, Janosch“, damit ließ Max ihn stehen und rannte zurück zum Haus. Janosch blieb angewurzelt zurück während weiter, dicken Flocken leise vom grauen Himmel fielen.


Max wischte nur grob die frische Schneedecke von seinem Van und setzte sich dann hinter das Steuer. Nur schwerfällig startete der Motor in der kalten Umgebung. Er trat das Gaspedal mehrmals durch und fuhr aus der Einfahrt. Die Scheiben waren halb vereist und die Lüftung noch zu kalt, um diese von innen abzutauen. Die Sonne hatte keine Chance durch die dicken Wolken zukommen und der Schneefall trübte zusätzlich die Sicht. Trotzdem verringerte Max sein Tempo nicht. Er wollte nur weg.

Einen Schlussstrich zu ziehen, war die einzig richtige Entscheidung gewesen und auch Joschi würde das früher oder später erkennen. Joschi war ein gebildeter, einfühlsamer Mann und die treuste Seele, die Max je getroffen hatte. Janosch hatte mehr verdient als einen Feigling wie Max, der es noch nicht einmal fertig brachte, seinen Arbeitskollegen von seinem Partner zu erzählen. Alles nur aus Angst, dass seine Kollegen ihn als Abteilungsleiter nicht mehr ernst nehmen würden. Selbst wenn es so gekommen wäre, ging es nur um einen Job. Einen Job, der jederzeit in ähnlicher Position zu finden war. Joschi hingegen, gab es nur einmal und er hatte mehr verdient. Ein Schlussstrich war das Beste für alle.
Bei diesem Gedanken sammelten sich neue Tränen in seinen Augen, die die eingeschränkte Sicht, noch weiter verschlechterte. Das Schneetreiben wurde dichter und er fuhr auf eine Gabelung zu. Auf der Suche nach irgendwas bog er schließlich nach rechts ab.

Noch in Gedanken erkannte er das Reh kaum, welches aus dem Wald, auf die Straße sprang und seine Fahrbahn kreuzte. Max trat fest auf die Bremse und merkte sofort, wie die Reifen blockierten. Er schlug das Lenkrad scharf rechts ein, um nicht frontal mit dem Tier zu kollidieren. Der Van rutschte von der Straße, es gab einen Aufprall und ein bitterer Geschmack machte sich in seinem Mund breit, dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

2 Kommentare zu „mit Schwung aus dem Fenster

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