Gefangen im Hamsterrad?

vanlife

Es ist ein Spätsommerwochenende und ich habe den Sommer, bis zum bitteren Ende ausgenutzt. Lange Abende im Biergarten, Studentenpartys im Park bis zum Sonnenaufgang, grillen in vegetarisch, in vegan, mit normaler Wurst und unnormaler Wurst.
Kurzum, ich bin durch mit dem Sommer. In Gedanken erwische ich mich, in dicker Elchmuster-Strumpfhose auf der Couch, eingedeckt mit Glühwein und Spekulatius. Natürlich nur der gute Bio-Spekulatius.

„An was denkst du?“, reißt mich der Hase aus meinen unsommerlichen Gedanken.

„An nichts. Mir ist langweilig“, antworte ich fast wahrheitsgemäß.

„Hm“, bekomme ich nur zurück. Er ist auch ratlos. War klar. Zu seiner Verteidigung ist zu sagen, dass wir an diesem Sonntag sämtlichen Pärchen-Kram durch haben. Ausschlafen, Kaffee im Bett, Spaziergang, zusammen kochen, Power-Nap (welches länger als 15 Minuten ging) und am Ende Radler auf dem Balkon.
Nun stehen wir hier, also eigentlich sitzen wir. Sitzen auf dem Sofa und die Uhr zeigt hämisch auf sechs. Zu früh um Schlafen zu gehen, zu spät um sich noch eine gesellschaftsfähige Hose anzuziehen. Wir sitzen weiter auf dem Sofa und wissen weiterhin nichts mit unserer Freiheit anzufangen.
Nicht das der Eindruck entsteht, da wäre keine Liebe mehr zwischen uns. Die Liebe ist noch da. Sicherheitshalber schaue ich zwischen den Hasen und mich und die Liebe winkt mir euphorisch zu, alles bestens.

„Sollen wir ein Spiel spielen?“ versucht der Hase, eine nächste Rettungsaktion. Dieser Satz weckt in mir, Erinnerungen an schlaflose Nächte, daher verneine ich diesen Vorschlag, aus Sicherheitsgründen.

„Wie wäre es mit einem Film? Wir haben lange keinen mehr gesehen“, werfe ich ein und der Hase fängt den Vorschlag enthusiastisch auf.
„Ja! Super Idee!“ Soll noch jemand behaupten, Beziehungen wäre schwierig.

Minuten später scrolle ich durch unendlichen Filmangebote von einem Streamingdienstanbieter und finde heraus, warum wir so lange keinen Film mehr gesehen haben.
Nicht einmal die größte Langeweile rechtfertigt es, Zeit, mit diesen Filmen zu verschwenden. Dann wohl Plan B. Ich gehe zum Kühlschrank und öffne ihn. Mit einem kräftigen Riss befreie ich die Bierflaschen aus ihrem Sixpackpapp-Gefängnis und schnappe mir zwei.

„Guck mal. Der liest sich doch interessant “, ruft der Hase aus dem Wohnzimmer.
Wenn sich ein Film schon interessant liest, muss das gucken phänomenal werden, denke ich und schmeiß mich wieder neben den Hasen und die Liebe.

Die nächsten 90 Minuten, beobachten wir, im Film ein Pärchen. Besagtes Paar hat ihre Jobs in Deutschland kündigt, ist nach Alaska geflogen, hat dort einen Schulbus (natürlich ohne jegliche Vorkenntnisse) in ein fahrendes Haus umgebaut und ist fortan von Alaska, über Amerika und weil die Mauer noch nicht steht, bis nach Mexiko gefahren. Neben der Erkenntnis, dass Alaska nicht nur aus meter hohen Schneelandschaften besteht (verrückt, wieder was gelernt), wird mir ebenfalls klar, dass ich in dem Konstrukt lebe, welches das Pärchen verlassen hat. In einem Hamsterrad.
Morgens aufstehen, anziehen, losgehen, acht Stunden arbeiten, nach Hause, essen, schlafen. Am Wochenende, einkaufen, Hausputz, familiäre Verpflichtungen, Freunde. Alles getaktet, geplant, normkonform und langweilig. Immer mit dem Leitspruch, alle machen es so, es muss richtig sein. Diese Erkenntnis trifft mich plötzlich, hart und schmerzlich.

„In Deutschland, würdest du mit so einem Bus, nicht mal um die nächste Straßenecke kommen. Entweder hättest du fünf Autos gerammt oder der TÜV wäre hinter dir her.“ Irritiert blicke ich zum Hasen, den ich ganz vergessen hatte.
„Mit 20 als Student, kann man mal eben aus dem System aussteigen, ein Jahr später wieder einsteigen und so tun, als wenn nicht gewesen wäre.“ Redet er sich in Rage.
„Glücklicher bist du am Ende auch nicht.“

„Es ist ein anderes Lebenskonzept.“ Antworte ich nachdenklich und stelle es gleichzeitig fest.
„Anders, als wir es kennen, folglich befremdlich und damit komisch für uns.“

„Klar ist es komisch, weil es überhaupt nicht realisierbar ist.“ Damit steht er auf und murmelt so was wie gute Nacht. Mich beschleicht das Gefühl, dass diese Thematik ihn getroffen hat. Andernfalls kann ich mir nicht erklären, seit wann bei uns um 20 Uhr Schlafenszeit ist.

2 Gedanken zu “Gefangen im Hamsterrad?

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